Eine kleine Geschichte über Gewalt


Diese Kurzgeschichte entstand anlässlich einer Lesung zum Internationalen Aktionstag gegen Gewalt an Frauen am 25. November 2019. 

 

Sie orientiert sich an den Geschichten aus meinem Buch "Was liest eigentlich Gott?" und beleuchtet das Problem daher auf eine etwas andere Art...

 

Wenn du wissen möchtest, was Gott, Gandhi, Anne Frank und Cleopatra zum Thema Gewalt zu sagen haben, lies weiter...

Die Summe der kleinen Taten


Ziemlich sprachlos sitze ich inmitten meiner kleinen Tafelrunde und finde keine Worte.

 

Alles, was ich tun kann, ist, Gott einen hilflosen und gleichzeitig fragenden Blick zuzuwerfen. Er runzelt die Stirn, erwidert meinen Blick über den Rand seiner Lesebrille hinweg und legt schließlich seufzend sein Buch beiseite.

 

„Ich weiß schon, was du fragen willst.“ sagt er mit seiner tiefen, warmen Stimme. „Du fragst dich, warum ich so etwas zulasse… Warum ich nichts unternehme gegen all die Gewalt und das Leid auf Erden.“

 

Ich atme tief ein und aus, wobei ich fast unmerklich den Kopf schüttel.

 

„Nein.“ flüstere ich. Noch immer schnürt mir die Beklemmung den Hals zu. „Genau genommen frage ich mich, warum Menschen so etwas tun. Warum wir als denkende und fühlende Wesen überhaupt in der Lage sind, anderen bewusst Gewalt anzutun. Kein Tier würde so handeln – es sei denn, um zu überleben.“

 

„Es ist die Angst.“ sagt Anne Frank leise. Sie sitzt auf einem Kissen am Boden, wie immer ganz dicht neben Gandhi. Angesichts des Themas scheint sie heute noch blasser als sonst.

 

„Die Angst lässt Menschen solch schreckliche Dinge tun oder sorgt dafür, dass sie sie geschehen lassen. Auch Tiere greifen an, wenn sie Angst haben. Menschen hingegen werden zur Bestie. Sie töten, sie quälen, sie verraten oder schweigen… Alles aus Angst.“

 

Ich schaue Anne nachdenklich an, lasse mir ihre Worte durch den Kopf gehen.

 

Ist es die Angst, die eine Frau bei ihrem Mann bleiben lässt, wenn dieser sie misshandelt? Ist es die Angst, die das Umfeld davon abhält, etwas zu unternehmen, obwohl es sehr wohl ahnt, was geschieht?

 

Ich nicke leicht vor mich hin. Ja, ich erkenne die Angst dahinter. Doch was ist mit den Tätern? Handeln auch sie aus Angst? Quälen, schlagen, misshandeln, vergewaltigen sie aus Angst?

 

„Nun, aus Liebe gewiss nicht!“ ruft Cleopatra herüber. Sie steht an der Bar und gießt sich gerade einen Whisky ein.

 

„Seit wann trinkst du Whisky?“ fragt Gandhi mit einer Mischung aus Vorwurf und Besorgnis in der Stimme.

 

Cleo lässt den Eiswürfel durch ihr Glas klirren und antwortet schulterzuckend: „Bei so einem schwerwiegenden Thema heute, brauche ich eben etwas Stärkeres.“

 

Wir schweigen. Cleopatras Trinkgewohnheiten in Frage zu stellen, haben wir uns schon lange abgewöhnt.

 

„Was sagst du denn dazu?“ frage ich sie stattdessen. „Warum sind die Menschen so grausam? Und weshalb richtet sich die Gewalt so oft ausgerechnet gegen die Schwachen – gegen Frauen und Kinder?“

 

Cleo lacht kurz auf. Es ist ein spitzes, sarkastisches Lachen.

 

„Also der zweite Teil deiner Frage ist schnell beantwortet: Weil Männer allesamt Feiglinge sind! Bevor sie es mit Ihresgleichen aufnehmen, lassen sie ihre Wut und ihren Frust lieber an Schwächeren aus.“

 

Und nachdem sie sich einen kräftigen Schluck aus ihrem Whiskyglas genehmigt hat, murmelt sie noch leise hinterher: „Erbärmliche Würstchen…“

 

Gandhi räuspert sich, erntet jedoch nur einen schnippischen Blick von Cleo.

 

„Zum Glück sind ja nicht alle Männer so.“ wirft Anne versöhnend ein.

 

Wieder ertönt dieses sarkastische Auflachen von Cleopatra, doch wir ignorieren sie nun einstimmig, auch wenn der erste Teil meiner Frage damit unbeantwortet bleibt.

 

Ich seufze.

 

Werden wir überhaupt jemals ergründen, warum ein Mensch zum Täter wird? Warum er oftmals gerade jenen Leid zufügt, die er doch eigentlich liebt? Denn die häufigsten Gewalttaten spielen sich in den eigenen vier Wänden ab. Innerhalb der Familie, die doch eigentlich ein Ort der Sicherheit, des Vertrauens und der Geborgenheit sein sollte.

 

Wieder richte ich meinen fragenden Blick auf Gott. Er sitzt wie gewöhnlich in meinem Schaukelstuhl und folgt aufmerksam unseren Überlegungen, ohne sich jedoch ungefragt zu beteiligen. Auch jetzt sieht er nicht so aus, als würde er etwas dazu sagen, erhebt dann aber doch das Wort:

 

„Jetzt sieh mich nicht so an, als wäre ich schuld!“ verteidigt er sich. „Ich verstehe auch nicht, weshalb ihr Menschen euch so quält. Doch es steht mir nicht zu, über euch zu richten! Wen sollte ich denn strafen oder verurteilen? Den Mann, der seine Frau krankenhausreif prügelt? Oder sollte ich bei seiner Mutter anfangen, die zugelassen hat, dass sie selbst und ihr Kind von ihrem Mann geschlagen wurden? Soll ich den Vater bestrafen, der die Mutter umgebracht und seinen Sohn damit für den Rest seines Lebens gezeichnet hat? Und damit hört es nicht auf. Ich könnte Generation um Generation zurückgehen und es nähme kein Ende.“

 

„Du solltest auch die Frau bestrafen!“ ruft Cleopatra dazwischen. „Weil sie so blöd ist, bei diesem Scheusal zu bleiben.“

 

„Cleo!“ ermahne ich sie und auch Anne erhebt Einspruch: „Sie liebt ihn eben! Sie hatte ja selbst keine leichte Kindheit und wiederum ist es die Angst, die sie bei ihm bleiben lässt. Die Angst, wieder ganz allein und verlassen zu sein.“

 

„Pffffh!“ macht Cleo. „Lieber einsam und verlassen als misshandelt und tot.“

 

„So denken leider nicht alle Frauen.“ erwidere ich. „Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Schulfreundin von mir. Ihr Vater hat sie regelmäßig mit einem Gürtel blutig geschlagen. Ich war vollkommen entsetzt, als sie mir davon erzählte, doch sie sagte voller Überzeugung, dass er doch keine andere Wahl hätte, wenn sie nicht brav war. Und sie fing an zu weinen… aber nicht wegen der Schläge ihres Vaters, sondern weil ihre Mutter ihn rausgeworfen hatte. Meine Freundin gab sich die Schuld daran! Sie war wütend auf ihre Mutter, während sie ihren Vater über alles liebte…

 

Ich habe es damals nicht verstanden, es war für mich eine vollkommen andere Welt. Manchmal frage ich mich, was aus meiner Freundin geworden ist. Sie ist weggezogen und wir haben den Kontakt verloren. Ob sie einen Ehemann hat, der sie schlägt? Ob sie oder ihr Mann die Kinder schlagen? Ob es für sie noch immer Normalität ist, so zu leben?

 

Das frage ich mich. Und ich frage mich, wie man überhaupt helfen kann, wenn insbesondere die Frauen schweigen – ob nun aus Angst oder aus Liebe…“

 

„Wir müssen ihnen zeigen, dass es auch anders geht.“ meldet sich nun Gandhi zu Wort. Er hat sich dabei erhoben, zupft seinen Umhang zurecht und fährt nun fort: „Genau wie bei deiner Freundin gilt es, den betroffenen Frauen aufzuzeigen, dass ein Leben voller Leid und Gewalt NICHT normal ist.

 

Doch was tut ihr? Worüber berichten eure Medien? Die Nachrichten sind voller Gräueltaten, die Filme und Serien in euren Fernsehern und Kinos wetteifern förmlich darum, wer die meisten Leichen, die blutigsten Szenen oder den abscheulichsten Psychohorror zeigt. Gewalt ist somit zur Normalität geworden. Ohne Mord und Totschlag empfindet ihr alles als langweilig und kitschig. Doch wehe, die Gewalt begegnet euch im echten Leben, dann seid ihr entsetzt. Wenn es in der Zeitung steht, wird eure Sensationslust befriedigt – trifft es eure Nachbarin, seid ihr sprachlos.“

 

Sprachlos bin ich in der Tat nun auch wieder, denn er hat absolut recht. Auch mich packt regelmäßig das Entsetzen, wenn ich mit meinem Sohn ins Kino gehe und vor dem eigentlichen Film mindestens drei Trailer für die widerlichsten Horrorfilme ertragen muss, die ein Mensch sich nur ausdenken kann.

 

Die Komplexität der ganzen Thematik lähmt mich. Ich fühle mich plötzlich ganz klein und hilflos.

 

„Egal, was ich unternehme, es wird sich doch sowieso nichts ändern.“ geht es mir durch den Kopf…

 

„Bravo!“ ruft Cleo unvermittelt und applaudiert.

 

Ich sehe sie verständnislos und niedergeschlagen an.

 

„Du hast gerade herausgefunden, welcher Gedanken das Grundübel darstellt.“ erklärt sie. „Egal, was ich tue, es ändert sich ja sowieso nichts. – Genau das ist es, was diese Frauen denken, die sich von ihrem Mann schlagen, von ihrem Chef belästigen oder vom Stiefvater vergewaltigen lassen. Sie fühlen sich klein. Allein. Hilflos. Sie glauben nicht, dass sich jemals etwas ändern wird. Nicht in ihrer Welt! Also versuchen sie es erst gar nicht.“

 

Ich nicke zustimmend. Sie hat absolut recht.

 

„Aber, was tun wir denn dagegen?“ frage ich und will fast schon wieder resignieren, als auch Anne aufspringt und ruft:

 

„Das, was wir können. Egal, wie klein und unbedeutend es erscheinen mag – wir tun es! Wir schreiben, wir malen, wir singen, wir helfen, wir reden, wir widersetzen uns dort, wo es Sinn macht. Jeder auf seine Weise, auf seine Art, in seinem Maße…“

 

„Und die Summe der kleinen Taten“, fügt Gandhi mit einem hoffnungsvollen Leuchten in den Augen hinzu, „wird sich nach und nach zu etwas Großem zusammenfügen. Und dann – dann bewegen wir etwas!“

 

Ich schaue zu Gott. Er lächelt gütig und zustimmend, schiebt die auf die Nasenspitze gerutschte Lesebrille wieder ein Stück hoch und hebt wortlos sein Buch, welches er gerade liest.

 

 

Es ist ein kitschiger Liebesroman…